Produktion Wirtschaft

Insektenfarm in Sachsen: Zu Besuch auf der Madenfarm von „madebymade“

Auf seiner Insektenfarm in der Nähe von Leipzig produziert das Startup madebymade Proteinmehl für Futtermittel aus Larven der Schwarzen Soldatenfliege. Eine Idee mit großem Potenzial. Wir waren vor Ort.

In Deutschland gibt es bislang nur wenige Farmen, die Insekten für Futtermittel oder Lebensmittel produzieren, und noch weniger in industriellem Maßstab. 30 Autominuten vom Leipziger Stadtkern entfernt liegt die Insektenfarm des Startups madebymade. Hier züchtet und verarbeitet das Jungunternehmen in einer Pilotanlage Larven der Schwarzen Soldatenfliege (engl. Black Soldier Fly, kurz BSF) für den Futtermittelmarkt. Die tropische Fliegenart wächst hier unter optimalen Bedingungen bis zum Larvenstadium und wird anschließend zu Insektenmehl verarbeitet, das als Futtermittel in der Aquakultur genutzt werden kann.

Das Potenzial der Schwarzen Soldatenfliege

Auf die Idee kam Gründer Kai Hempel, als er eigentlich eine Aquakultur gründen wollte und hier auf Herausforderungen bei der Wahl der Futtermittel stieß. So fokussierte er sich stattdessen auf die Proteinproduktion und entdeckte das Potenzial der Schwarzen Soldatenfliege. „Das besondere an ihr ist, dass sie ein totaler Futtergeneralist ist“, sagt Hempel. Die Insektenart kann mit hoher Effizienz eine Vielzahl von organischen Reststoffen, zum Beispiel aus der Lebensmittelproduktion, in hochwertige Proteine umsetzen. Auch bei der Nachhaltigkeit punktet sie mit einer geringen Emission von Treibhausgasen und geringem Wasser- und Flächenbedarf. Bei Hempel folgte eine Bachelorarbeit zur die Machbarkeit einer Insektenproduktion in industriellem Maßstab, die Suche eines geeigneten Teams, ein Technologiestipendium bei der Sächsischen Aufbaubank und schließlich der Start der eigenen Zucht. Diese betreibt er heute gemeinsam mit seinem Mitgründer, dem Biologen Dr. Jonas Finck.

Schwarze Soldatenfliegen mögen eine Temperatur von 30 Grad am liebsten
Ausgewachsene Soldatenfliegen in der Reproduktionsanlage bei 30 Grad, ihrer Lieblingstemperatur.

Urtypisch für ein Startup begannen die ersten Tests natürlich in einer angemieteten Garage. Heute befindet sich die Pilotanlage auf dem Gelände einer ehemaligen Pelletieranlage im sächsischen Ort Pegau bei Leipzig. Hier zeigt das Startup, dass sein modulares Produktionskonzept in industriellem Maßstab funktioniert.

Proteinmehl aus Fliegenlarven

Nach dem Schlüpfen kommen die Larven zunächst in einen Jungtiercontainer und werden dort bis zu einer bestimmten Größe aufgezogen. Dann kommen sie auf ein nahrhaftes Substrat und werden dort weiter gemästet, anschließend sortiert und weiterverarbeitet. 5 Prozent der Larven kommen zurück in die Reproduktion und werden zu Fliegen aufgezogen, die dann wieder Eier legen.

Larven der Schwarzen Soldatenfliege vor der Sortierung
Larven der Schwarzen Soldatenfliege vor der Sortierung.

Die Larven werden mit organischen Reststoffen ernährt, die Lebensmittel- oder Futtermittelstandard haben, aber nicht an Dritttiere verwendet werden können. Rund 500 Kilogramm Obst- und Gemüsereststoffe werden in der Pilotanlage pro Woche verwertet, d.h. zu Substrat verkleinert und an rund 200 Kilogramm lebende Larven verfüttert. Aus diesen wird dann 50 Kilogramm Proteinmehl. „Je nach Substrat ist es immer ein bisschen unterschiedlich, aber wir kommen auf bis zu 50 Prozent Proteinanteil“, sagt Geschäftsführer Kai Hempel. Als Nebenprodukt entsteht Insektenfett sowie von den Larven ausgeschiedener, verwertbarer Dung, der als biologisches Bodenverbesserungssubstrat angeboten wird.

Vielfältige Einsatzmöglichkeiten von Insektenmehl

Relevant ist das Insektenmehl für den Bereich der Aquakultur, für den die Schwarze Soldatenfliege seit 2017 EU-weit als Futtermittel zugelassen ist und wo Fischmehl durch Insektenmehl ersetzt werden kann, sowie für den Heimtierfutterbereich, für den sie zugelassen ist. Auch für Geflügel- und Schweinefutter ist das Interesse hoch. Unternehmen wie der Geflügelfleischproduzent PHW sehen in Insektenprotein eine geeignete Alternative für Soja und eine Möglichkeit, um den Sojaanteil im Futter zu senken. Daher setze sich PHW dafür ein, die politischen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, und habe über seinen kanadischen Partner Enterra bei der EU-Kommission eine Zulassung von Insektenmehlen in Geflügel- und Schweinefutter beantragt, wie Spiegel Online berichtet.  „Wir rechnen eigentlich damit, dass das bis Ende nächsten Jahres spätestens kommt“, schätzt Hempel. „Es spricht auch nicht wirklich etwas dagegen: Wenn man darüber nachdenkt, was ein Schwein oder ein Huhn in seiner natürlichen Umgebung eigentlich fressen sollte, kommt man relativ schnell auf Insekten.“

Aus den Larven der Schwarzen Soldatenfliege stellt madebymade Insektenmehl her
Maden für Mehl: Aus den Larven der Schwarzen Soldatenfliege stellt madebymade Insektenmehl her

Schwarze Soldatenfliege auch als Lebensmittel?

Ebenfalls bei der EU-Kommission liegt ein Antrag, die Schwarze Soldatenfliege auch als Speiseinsekt, also für den Einsatz in bestimmten Lebensmitteln wie Backwaren und Snacks zuzulassen. Kai Hempel sieht sein Startup madebymade ganz klar als B2B-Unternehmen, könnte sich aber vorstellen, auch Unternehmen im Lebensmittelbereich mit seinem Rohstoff zu beliefern: „Falls dann jemand ein solches Produkt hat, kann er sich gerne an uns wenden. Und wenn dann die Marge stimmt, sind wir auch bereit dann von Futtermittel auf Lebensmittel umzustellen.“ Aktuell sehe er jedoch die Akzeptanz und Relevanz des Marktes noch nicht.

Insektenproduktion auf 1.600 Quadratmetern

Anders ist es im Futtermittelmarkt, der stabil und im Wachstum sei. Im nächsten Jahr soll die Insektenfarm deutlich ausgebaut werden, es kommen mehrere Fabrikhallen hinzu. „Auf über 1.600 Quadratmetern werden wir dann produzieren, an zwei Standorten – ein Reproduktionsstandort, ein Verarbeitungsstandort“, freut sich Hempel. Über 20 Tonnen Input sollen dann verarbeitet werden können, was etwa 6 bis 8 Tonnen lebender Tiere erzeugt – pro Tag. Und auch darüber hinaus hat das Insekten Startup einen klaren Plan:

„In 5 Jahren 4 Anlagen in 3 Ländern“.

Dafür soll auch das Personal vergrößert werden: „Was ich mir wünsche, sind Leute, die Bock haben auf so etwas Verrücktes, wie wir es hier machen“, sagt Hempel. „Und wenn es da jemanden gibt, der da Lust drauf hat oder den es interessiert, gerne bei uns melden. Wir sind eigentlich immer auf der Suche nach neuen Leuten.“

Interview im Fliegenkäfig (Video)

Das Video mit dem ganzen Interview mit Kai Hempel, Gründer und Geschäftsführer von madebymade, und Impressionen aus der Zucht und Produktion gibt es hier:

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